Der Blick zurück – Zur Geschichte unseres Gymnasiums

„Reden stört durch Schwatzen"

  – ein Klassenbucheintrag aus dem Jahre 1908. Ja, so etwas soll es heute auch noch geben. Nichtsdestoweniger versinken wir mit der Spurensuche in eine vergangene Zeit und denken unwillkürlich an die „Feuerzangenbowle“, denken an die „Paukertypen“ von anno dazumal, die alte „Penne“, ein Ausdruck, den heute kaum noch ein Schüler kennt,  an knarrende Dielen, den Karzer oder auch den sogenannten „Direx“, der noch früher schlicht und einfach „Zeus“ genannt wurde. 

Dass die Erkundung der Geschichte eines Gymnasiums eine amüsante Angelegenheit sein kann, versteht sich insofern von selbst. Die Spurensuche nach der Entwicklung unserer Schule vermittelt darüber hinaus jedoch auch tiefe Einblicke  in das Auf und Ab von 175 Jahren  deutscher Geschichte und ist geradezu ein Paradebeispiel für die Entwicklung des weiterführenden Schulwesens und des Zeitgeistes vergangener Jahrhunderte.

Deshalb zunächst einige Worte zur Geschichte der „Anstalt“selbst.
Nachdem bereits im 18. Jahrhundert erste Versuche zur Gründung einer weiterführenden Schule im Mülheimer Raum unternommen worden waren, war es im Jahre 1830 endlich soweit. Als Ergebnis einer gemeinsamen Initiative des Mülheimer Stadtrates und des preußischen Staates in Gestalt des zuständigen Landrates etablierte sich im Hause Freiheitsstraße Nr. 70 eine höhere Bürgerschule mit 25 Schülern/ Schülerinnen und einem Lehrer (Velthaus), im Rechtsrheinischen die einzige öffentliche Schule ihrer Art im Umkreis von 20 Kilometern. Bald schon wurde die Leitung der Anstalt dem evangelischen Pfarrer Karl Friedrich Nöll übertragen, der mit seinem Konzept einer handfesten Grundbildung (unter Einbeziehung der Fächer Griechisch und Latein) für die Kinder der Mülheimer Bürgerschaft für eine stetige Zunahme der Schülerschaft sorgen konnte, die bereits 1836 wegen Raummangels in das Obergeschoss des Mülheimer Rathauses an der Wallstraße umzog. Offenbar war übrigens die 48er Revolution auch an Mülheim nicht spurlos vorüber gegangen, denn sie führte u.a. dazu, dass Pfarrer Nöll sein Amt aufgab. Zeitgleich mit der Revolution wurde aus der ursprünglich koedukativen Anstalt eine reine Jungenschule, und es begann der Kampf um eine feste Positionierung in der Schullandschaft. Dabei verfolgte der neue Schulleiter Dr. Pleimes fatalerweise zwei Ziele gleichzeitig, nämlich die Vorbereitung des Übergangs seiner Schüler in die Sekunda der Kölner Gymnasien (Progymnasium) und die Anerkennung als Realschule.   
Der Weg zu diesem Ziel war jedoch mit Schwierigkeiten gepflastert, die einerseits etwas mit der Nachfrage des Mülheimer Publikums, andererseits und mehr noch mit formalrechtlichen Bestimmungen zur Besoldung der Lehrer zu tun hatten. Tatsächlich drückte sich nämlich das zeitweilige Desinteresse des bürgerlich-kaufmännischen Publikums an der Idee des Progymnasiums in einem vorübergehenden Rückgang der   ohnehin zunächst bescheidenen  Schülerzahlen und entsprechenden Einbußen beim Schulgeld aus, bis der im Jahre 1863 neu ernannte Schulleiter Dr. Cramer auf die Sackgasse des progymnasialen Zweiges verzichtete. Nach langwierigen Verhandlungen mit der preußischen Regierung und Sicherstellung der Bezahlung der Lehrer nach dem sogenannten Normalbesoldungsetat  wurde die Schule 1865 zunächst in den Rang einer Realschule II. Ordnung,  1873 dann I. Ordnung mit entsprechenden Abschlussberechtigungen erhoben. Lange Zeit nämlich sah sich die Stadt Mülheim außer Stande, eine solche Besoldung für die seinerzeit ungefähr 10 Lehrkräfte aufzubringen. Wieder fallen zwei bedeutende Ereignisse zusammen. Zeitgleich mit  der Anerkennung als Realschule I. Ordnung kann  die mittlerweile auf 200 Schüler angewachsene Schule ein neues Gebäude in der Friedrich-Wilhelm-Straße beziehen, dessen Bau der Stadtrat bereits im Jahre 1870 beschlossen hatte. Dass eine Realschule dieser Zeit  übrigens nicht dasselbe war  wie eine Realschule unserer Tage, verrät ein Blick auf den Stundenplan, in dem Latein und Französisch an vorderster Front stehen, während dem Griechischen mit einem Seitenblick auf Möglichkeiten eines Ausbaus zum Gymnasium zunehmendes Gewicht eingeräumt wurde. Im Übrigen handelte es sich ebenso wie beim Gymnasium um eine neunstufige Anstalt mit Prima und Abiturprüfung. Folgerichtig nahm die Schule im Jahre 1882 dann die Bezeichnung „Realgymnasium“ an und konnte seither in beschränktem Maße akademische Zugangsberechtigungen  z.B. für den Lehrberuf oder technische Studiengänge erteilen. Sie nahm damit gewissermaßen eine Zwitterstellung zwischen der Realschule (modernen Typs) und dem Gymnasium ein, was ebenso typisch wie die räumlich-organisatorische Verbindung mit anderen Schultypen war. Im selben Hause war nämlich unter Leitung Cramers auch noch eine Vorschule entstanden, die anders als die bestehenden Elementarschulen für eine gezielte Vorbereitung des Nachwuchses auf das Gymnasium sorgen sollte, aber sich letztendlich nicht bewährte.  
Nach der für den Typus des Realgymnasiums unvorteilhaften Schulreform von 1892 entschloss man sich wieder einmal zum Umbau der „Anstalt“ in eine Oberrealschule, aus der in zwei Schritten, nämlich 1897 und 1905 das Reformrealgymnasium entstand, das infolge der Schulreform des Jahres 1901 endlich gleichberechtigt neben dem (humanistischen) Gymnasium stand. Auch dem Reformgymnasium war übrigens wieder eine Realschule und eine Vorschule angegliedert. (Verwaltungsbericht 1901, 284 ff.)
Dieses für uns kaum nachvollziehbare Hin und Her  zwischen unterschiedlichen Schultypen und Bezeichnungen lässt sich zum einen durch die Probleme einer kleinen Stadt wie Mülheim erklären,  zum anderen durch die emsigen schulreformerischen Bemühungen der wilhelminischen Zeit, die im Ergebnis tatsächlich dazu führten, dass aus dem elitär gedachten, rein humanistischen Gymnasium alter Prägung ein Instrument der Breitenbildung wurde. Sie stellte die Quintessenz eines Jahrzehnte währenden  ideologischen Streites um die Gleichberechtigung der realistischen Bildung dar. 
Um 1910  jedenfalls platzte die Schule mit 605 Gymnasiasten und Realschülern förmlich aus allen Nähten. Die Stadt Mülheim sah sich nunmehr außer Stande, die für die Unterhaltung einer so großen Schule notwendigen Finanzen aufzubringen. Deshalb wandten sich Stadtrat und Kuratorium der Schule nicht zuletzt auch auf Initiative des damaligen Schulleiters Geheimrat Dr. Brüll an den preußischen Staat mit dem Ziel, den rein gymnasialen Bildungsgang in Form eines Staatlichen Gymnasiums auszugliedern. Nach Zustimmung des Ministers wurde die Schule also aufgeteilt und zwar in ein Königliches (staatliches) Gymnasium, das heutige Hölderlin-Gymnasium, das im Jahre 1912 ein neues Gebäude (in der heutigen Graf-Adolf-Straße) bezog, und das den Interessen des Mülheimer Publikums eher entsprechende Reform- und Realgymnasium mit Realschule. Ein Teil des mittlerweile auf 36 Lehrkräfte angewachsenen Kollegiums, in der Titulatur der Zeit Professoren, Oberlehrer und wissenschaftliche Hilfslehrer, wechselte damals unter Führung von Dr. Brüll ans Königliche Gymnasium, während die Leitung unseres Stammhauses von Dr. Thiele übernommen wurde, der nach dem Krieg wie alle folgenden Schulleiter die Amtsbezeichnung Oberstudiendirektor führte und mit Unterbrechungen bis 1929 Schulleiter blieb.
Aus dem Gymnasium an der Adamstraße wurde im Zeichen der Weimarer Schulreform 1924  ein Neu- sprachliches Gymnasium und schließ- lich im Gefolge der nationalsozialistischen Bildungsreform eine Deutsche Oberschule mit – man höre und staune – acht-jährigem Bildungsgang, die ihr altehrwürdiges Gebäude, den sogenannten Raschdorff-Bau, durch den großen Luftangriff am 28. Oktober 1944  verlor. Bis zum  Jahre 1955 – der Einweihung unseres heutigen Altbaus – war das Gymnasium dann gewissermaßen heimatlos.
Die Schüler wurden im Gymnasium Schaurtestraße unterrichtet,dessen Räumlichkeiten aber wegen steigender Schülerzahlen sehr rasch zu klein wurden, so dass ein zweiter Umzug notwendig erschien. Zwischen 1946 und 1954 besuchten unsere Schüler also das Mädchen-Gymnasium an der Genovevastraße, wo sie im Schichtbetrieb unterrichtet wurden.Der Bildungsreform dieser Zeit und der Tradition als Real- bzw. Reformgymnasium entsprechend war aus unserer Schule inzwischen ein Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium geworden, das sich mit einem ausgezeichneten Ruf in der Kölner Schullandschaft etablieren konnte und  schließlich ein neues Gebäude, unser heutiges Haus an der Düsseldorfer Straße,  erhielt. Zeitgleich mit dem Bezug der neuen Räumlichkeiten feierte das Gymnasium sein 125jähriges Bestehen.
Aus ihm und seinem Kollegium ging 1958 das Herder-Gymnasium in Köln-Buchheim und 1968 das Gymnasium in Köln-Höhenhaus hervor, das aber nur 10 Jahre später in der neugegründeten Gesamtschule aufging. Die Oberstufe des damit liquidierten Gymnasiums wurde gleichzeitig in unsere Schule ausgelagert, deren Schülerzahlen infolgedessen auf über 1200 anschwollen. Konferenzen mit über 100 Lehrkräften konnten in dieser Zeit nur noch in der Aula durchgeführt werden.
Durch die Bildungsreform der siebziger Jahre hatte die Schule ihre Spezialisierung auf den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt eingebüßt und erhielt im Jahre 1989 endgültig ihren neuen Namen – Rhein-Gymnasium.

Interessanterweise war übrigens die „Höhere Bürgerschule“ in ihren Anfängen eine Schule für Jungen und Mädchen gewesen. Nach Ausgliederung der Mädchenbildung  im Gefolge der 1848er Revolution war und blieb sie dann weit über 100 Jahre eine reine Jungenschule. Das Prinzip der Koedukation wurde erst  1965 im Rahmen des sogenannten F-Zweiges und ab 1972 durch Aufnahme von Mädchen und Jungen in die Sexta wieder aufgegriffen.Soviel in Grundzügen zur Geschichte unserer Schule, die an anderer Stelle bestens dokumentiert ist.

Deutlich wird vor allem auch in der erst vor zwei Jahren veröffentlichten Darstellung Winand Breuers zur Geschichte unserer Schule, welchen Stellenwert das Unternehmen „Höhere Bürgerschule“ für die aufstrebende Industriestadt Mülheim hatte, die in erster Linie auf qualifizierten Nachwuchs für Handel und Gewerbe angewiesen war, der vor 1830  nach Köln geschickt werden musste, was dem Selbstbewusstsein der Stadt Mülheim strikt zuwider lief. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass sich Mülheim zu Beginn des 19. Jahrhunderts, aber auch schon früher zu einer  ernstzunehmenden wirtschaftlichen Konkurrenz für Köln entwickelt hatte. (Pohl/Mölich, Das rechtsrheinische Köln, Köln 1994, 21 ff. und 36 ff.), während Deutz erst durch die Gründung der Gasmotorenfabrik aus seinen kleinstädtischen Anfängen herauszufinden vermochte. Noch heute zeugt von diesem Vorsprung gerade die Bebauung im engeren Umfeld unseres heutigen Standortes mit seinen von bürgerlichem Wohlstand zeugenden Häusern aus dem 18. und  vor allem 19. Jahrhundert.  Abgesehen von Mülheim und Deutz aber waren in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rechtsrheinischen neben einer Reihe von hübschen, kleinen Dörfern wie Wichheim und Stammheim keine wirtschaftlich nennenswerten Ortschaften  auszumachen, die sich etwa die Unterhaltung einer weiterführenden Schule leisten konnten oder zumindest  – wie etwa Mülheim – eine Infrastruktur, zumindest einen Bahnhof, aufwiesen, die die Gründung eines solchen Instituts begünstigt hätte.

So erstaunt es nicht, dass die Höhere Bürgerschule schon in ihren Anfängen als Prestigeobjekt Mülheims erachtet und auch dementsprechend gefördert wurde. Abgesehen von der Debatte um den Normalbesoldungsetat erwies sich die Stadt Mülheim a. Rh. immer wieder als großzügige Förderin des Gymnasium, was sich z.B. auch in der Finanzierung von Festakten ausdrückte. Selbst eine Orgel wurde dem alten Gymnasium „spendiert“. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang  folgende Anekdote, die aber bereits aus der ersten Blütezeit der Schule stammt:

Aufgrund des zunehmenden Verkehrs von Fuhrwerken hatte sich  Ende des Jahrhunderts auf der kopfsteingepflasterten Prinz-Wilhelm-Straße (heute Adamstraße) ein Schüler- und Lehrerschaft störender Lärmpegel entwickelt. Entsprechende Klagen beim Stadtrat führten umgehend zum Erfolg. „Um die Störung   des Unterrichtsbetriebes durch das Gerassel der zahlreichen Wagen zu vermindern“, erhielt die Fahrbahn  im Jahre 1901 einen Asphaltbelag. (Vgl. Breuer, 178) Wäre ein solches Ausmaß an Rücksichtnahme auf die individuellen Belange einer Schule heute wohl noch denkbar? Auch die finanzielle Ausstattung der Schule kann entsprechende Vergleichswerte unserer Tage gelegentlich in den Schatten stellen.
Im Hinblick auf solche Informationen stellt sich übrigens auch das kleine Archiv im Keller unserer Schule als reichlich fließender Quell der Erkenntnis dar. Insbesondere sind es die mit Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vorliegenden „Jahres-Berichte“ – ihre Veröffentlichung war in preußischer Zeit offenbar obligatorisch ;  die uns einen guten Einblick in den schulischen Alltag vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte verschaffen.
Unterrichts- und Stoffverteilungspläne, die z.B. das Fach Latein in der gesamten Kaiserzeit als konkurrenzloses erstes Hauptfach (auch der Realschule) mit einem Deputat von 6 bis 8 Stunden pro Jahrgang ausweisen, die besondere Rolle des Griechischen für die Emanzipation zum Gymnasium oder des Französischen als durchgehender Fremdsprache für den realschulischen bzw. real- gymnasialen Zweig,  Klassenfrequenzen – in der Prima  bis zum Weltkrieg selten mehr als 12 Schüler – aber auch schulische Feiern, in vorderster Front „Kaisers Geburtstag“, der aufwändig wie kein anderes Ereignis begangen wurde, Klassenfahrten – häufig finanziert durch den Flottenverein – Beiträge des Gymnasiums zum kulturellen Angebot der Stadt in Form von regelmäßigen Theaterauf- führungen im städtischen Kasino oder auch die häufigen Unterrichtsausfälle „wegen der übergroßen Hitze“ im Sommer finden hier ihren Niederschlag und vermitteln ein anschauliches Bild des schulischen Alltags vor 120 oder 130 Jahren.
Auch damals bereits sorgte man sich übrigens um die „mangelnde Arbeitshaltung“ der Schüler und befasste sich mit der Frage, wie viel Leistung der Schülerschaft abzuverlangen sei. Aus Eltern- und Schülerkreisen wurden offenbar vermehrt Klagen über die „Überbürdung“ der Schüler vorgetragen, die  jedenfalls in den unteren Klassen  ein ähnliches Stundenpensum wie ihre „Leidensgenossen“ unserer Tage bewältigen mussten, dann aber in den höheren Klassen bis zu 32 Unterrichtsstunden à 50 Minuten hatten (allerdings in einer Zeit, in der ein 12-Stunden-Arbeitstag  im Berufsleben durchaus noch die Regel war). Sie veranlassten Oberlehrer Dr. Knott im Jahre 1884 zur Veröffentlichung einer neunseitigen Abhandlung, in der er die Klagen unter anderem  mit einem Hinweis auf die „Vergnügungssucht der studierenden Jugend“  und die „Eigenartigkeit unserer Kultur- und Zeitverhältnisse“ zu entkräften suchte, andererseits aber auch eine Beschränkung des Unterrichts auf den Vormittag ins Auge fasste, die vielerorts – vor allem in den größeren Städten – bereits erprobt wurde und sich später auch in unserem Gymnasium durchsetzte. Das Hauptproblem sah er dabei interessanterweise in den „häuslichen Aufgaben“, deren „Überwachung ... eigentlich Sache des Elternhauses sei“ (Jahres-Bericht des Realgymnasiums zu Mülheim an Rhein, Mülheim 1884, 3 ff.), die aber im Falle einer Konzentration des Unterrichts auf den Vormittag wohl durch ein Silentium sicherzustellen wären, da viele Eltern durch anderweitige Beschäftigungen davon abgehalten werden, dieser Aufgabe nachzukommen. Dies sicherzustellen setze allerdings eine Erhöhung des Unterrichtsdeputats der Lehrkräfte (bis dahin ca. 20 – 24 Stunden) voraus, die durch eine „Wieder-gleichstellung des Normal-Etats der höhern Anstalten mit  demjenigen der Richter 1. Instanz“ kompensiert werden müsse. 
 Auch in manchen anderen Bereichen des schulischen Alltags wird deutlich, dass vermeintlich spezifische Probleme unserer Zeit auch damals schon existierten. Da ist von „unzeitigen Genüssen“ der Schüler im Rahmen sogenannter „Kneiperien“ ebenso die Rede wie von den Folgen des „Mangels an guter Luft“ und Bewegung. Hart war die Disziplin jener Tage, .... möchte man meinen. In der Tat wurde die Arbeit der Schüler gelegentlich durch unangekündigte Hausbesuche überwacht, das Betreten von Kneipen streng verboten, der abendliche Ausgang beschränkt.(Montanusblätter, Februar 1932) Dennoch schlugen die Schüler immer mal wieder über die Stränge. Von Plaudern, Schwatzen („Reden stört durch Schwatzen“), ungebührlichen Antworten und anderen Missetaten („Gustav sticht seine Mitschüler mit der Nadel“, 1908) ist da die Rede, die mit einem schlichten Klassenbucheintrag, in schwereren Fällen durch Karzer bestraft wurden.  Im Gegensatz zu dem verbreiteten, nichts- destoweniger aber wohl auch zutreffenden Klischee vom Paukunterricht der kaiserlichen Schule erwägt Knott auch zwecks besserer Motivierung der Schüler eine – wie wir heute sagen würden – klarere  Handlungsorientierung und empfiehlt, die “Thätigkeit des Gedächtnisses - möglichst durch Veranschaulichung ....  zu unterstützen“ (s.o., S. 7).
Wie gesagt sind im Hinblick auf solche konkreteren Aspekte des schulischen Lebens die Unterlagen im Archiv von großer Aussagekraft und könnten auch in Zukunft z.B. für Facharbeiten in der Jahrgangsstufe 12 genutzt werden. Auch die seit 1930 jährlich, später dann in kürzeren Abständen herausgegebenen Montanusblätter, die sich  als gemeinsame Zeitschrift von Schule und Montanus- bund verstanden, vermitteln manch interessante Einblicke z.B. in den  schulischen Alltag in der Zeit des Nationalsozialismus, der sehr bald massiv von politischen Gleichschaltungs- und Schulungs- maßnahmen bestimmt war.
Das außerunterrichtliche Leben war nunmehr von Hitlerjugend und Jungvolk  und ihren paramilitärischen Aktivitäten beherrscht. „Dem Ausleseerlass entsprechend“ wurden „der Schule in erhöhtem Maße erziehliche Aufgaben zugewiesen“.  Die Schüler der Sekunden und Primen nahmen alljährlich für die Dauer von 3 Wochen in Begleitung ihrer Lehrer an einem „nationalpolitischen Schulungslager teil. Den Aktivitäten der Hitlerjugend wurde gleichzeitig ein deutlicher Vorrang eingeräumt. Immerhin sollten zwei Nachmittage aus diesem Grunde hausaufgabenfrei sein. (vgl. Anhang1, Mat. 1). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in den ersten Jahren offenbar mitunter auch Schüler „nichtarischer“ Herkunft, die sich also ihres individuellen Stellenwertes in der NS-Ideologie in keinster Weise bewusst waren, Aufnahme in der NS-Jugendorganisation fanden. (Anhang 1, Mat. 2).  Dass solche Aktivitäten die Zeit für die unterrichtliche Arbeit beschnitten, wurde auch vom Montanusbund, der letztlich den neuen Führer-Gefolgschafts-Strukturen zum Opfer fiel, nur zwischen den Zeilen angedeutet und auch nicht ausdrücklich beklagt, wenngleich vorsichtig anklingt, dass „bei allem Neuen, was unsere Zeit von Eltern,  Lehrern und Schülern verlangt, ... das alte Ziel bestehen“ bleiben soll, nämlich „den Schülern ein gediegenes Wissen  und ein sicheres Können im Rahmen der Lehrpläne zu vermitteln“.(Montanusblätter 1935, 52 f.) Wie die an anderer Stelle zitierten Erinnerungen Erwin Schilds belegen, scheint das im Falle unserer Schule immerhin einigermaßen gelungen zu sein. Dennoch. Das Führerprinzip hielt überall Einzug, so auch in die Schüler- mitverwaltung und die Elternarbeit. So wurde der aus der Weimarer Zeit stammende Elternbeirat, der unseren Pflegschaften entsprach, durch die Sitzungen sogenannter Jugendwalter ersetzt, an denen auch Vertreter der Hitlerjugend beobachtend und kontrollierend teilnahmen. Hier wie auch an  den meisten anderen Schulen mussten Worte nunmehr auf die Goldwaage gelegt werden. Gleichzeitig vollzog sich eine rasche Ausgrenzung der deutsch-jüdischen Bevölkerung. Das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte  ging auch an dieser Schule nicht spurlos vorüber. Und von Einzelfällen abgesehen, deutet wenig darauf hin, dass dieser Entwicklung nennenswerter Widerstand entgegengesetzt wurde. Bereits aus dem Jahre 1933 stammt ein Antrag auf Umbenennung des Gymnasiums in „Goebbelsschule“ (Anhang 1, Mat. 3), der allerdings offenbar nicht genehmigt wurde. (Weitere Informationen im im Anschluss in Form von der Auszügen aus einer Facharbeit des laufenden Schuljahres zum Thema.)
Nichtsdestoweniger gab es aber auch Fälle von mehr oder weniger offenkundigem Protest.. Arglos, ja naiv, aber mutig erscheinen die Karikaturen einer „Bierzeitung“ des Jahres 1933. Noch hatte man die erbarmungslose Härte des Regimes bei der Bekämpfung des Widerstandes nicht persönlich erfahren müssen (weitere Karikaturen – Anlage 2)  Auch der Schulleiter Dr. Theodor Eylert scheint keineswegs ein hundertprozentiger Gefolgsmann des neuen Regimes gewesen zu sein. Bemerkenswert ist schließlich auch die Tatsache, dass noch im Jahre 1941 ein Schüler (halb)jüdischer Herkunft an der Deutschen Oberschule“ in Köln-Mülheim das Abitur ablegen konnte – seine Erinnerungen finden sich an anderer Stelle dieser Festschrift – in einer Zeit, in der jüdi- schen Kindern   der Besuch „arischer“ Schulen im Allgemeinen längst unmöglich war und die Vorbereitungen des Holocaust auf vollen Touren liefen. 

Der Krieg selbst hinterließ seine Spuren. Ein Teil des Gebäudes wurde frühzeitig (ab 1940) für die Stationierung von Soldaten oder als öffentlicher  Luftschutzkeller umfunktioniert, der für den Unterricht verfügbare Raum damit noch knapper. Lehrer wurden zum Kriegsdienst eingezogen und durch die ersten weiblichen Lehrkräfte ersetzt. Zwei Bombenangriffe führten schließlich zur vollständigen Zerstörung des Gebäudes; wenig später wurde der Unterricht in den öffentlichen Schulen völlig ausgesetzt und konnte erst im Herbst des Jahres 1945 in an. deren Schulgebäuden wieder aufgenommen werden. 
Die ersten Jahre danach sind von den Nöten der Nachkriegszeit geprägt. Neben dem bereits erwähnten Raummangel ist in den Annalen von den Folgen der Heizmittelknappheit zu lesen, die auch unter der Lehrer- und Schülerschaft unserer Schule Todesopfer fordert. Unterrichtet wird in Räumen ohne Fenster, in Wintermantel und Schal. Groß ist auch die Fluktuation der (kommissarischen) Schulleiter – immerhin drei in 5 Jahren. Offenbar stehen in den Zeiten der aktiven Entnazifizierung  aus der Sicht der Militärregierung zunächst nicht genügend Kandidaten zur Verfügung. Bücher im Allgemeinen  sind eine Seltenheit. Zunächst bleibt aus nicht unberechtigten ideologischen Befürchtungen das Fach Geschichte völlig tabu  und die Benutzung jedweder Schulbücher verboten.Selbst an Schreibmaterial fehlt es allenthalben. Bezeichnend für diese Zeit ist auch die Einrichtung von Sonder- lehrgängen für Kriegsteilnehmer, die vor Ablegung des Abiturs eingezogen worden waren. Von einer vollständigen Unterrichtung der Stundentafel kann ebenso wenig die Rede sein wie von kontinuierlichem Schulunterricht überhaupt. Zwar kann die Konzentration des Unterrichts auf 3 Tage mit insgesamt 15 Stunden bald schon überwunden werden. Aber noch im Jahre 1948 müssen die Weihnachtsferien aufgrund der strengen Kälte bei völlig unzureichenden Kohleressourcen auf vier Wochen ausgedehnt werden. (Montanusblätter 7/1950)
Erst mit der Entscheidung, den ebenfalls nicht völlig unbelasteten Dr. Paul Börger dauerhaft zum Schulleiter zu ernennen, kehrt ansatzweise, mit dem Bezug des neuen Gebäudes an der Düsseldorfer Straße vollständig die notwendige Ruhe im schulischen Leben ein.
Der Bezug des Gebäudes verbindet sich mit dem 125jährigen Jubiläum  und leitet die eigentliche Nachkriegsgeschichte unserer Schule ein, die in der Festschrift zum 150jährigen Jubiläum eine ausführliche Würdigung erfährt.
Mit dem Neubau an der Düsseldorfer Straße hatte das Gymnasium nunmehr seinen vierten festen Standort bezogen, den es – so wollen wir hoffen – auch nicht mehr aufgeben muss.
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Neben den bereits erwähnten Materialien, nämlich den Montanusblättern und den Jahresberichten  sowie dem Aufsatz von Winand Breuer hat sich  im Vorfeld des 125jährigen Jubiläums vor allem der langjährige Lehrer Dr. Walter Steinschulte um die Erforschung der Geschichte  unserer Schule verdient gemacht. Sein diesbezüglich aufschlussreicher Nachlass befindet sich ebenfalls im Archiv der Schule. Selbstverständlich vermitteln darüber hinaus auch die Festschriften des Montanusbundes wie der Schule selbst zum 125jährigen und zum 150jährigen Jubiläum einen guten Überblick. Natürlich wurden auch vor 1955 bereits mehrfach Festschriften veröffentlicht, deren Belegexemplare jedoch leider durch die Ausbombung vernichtet worden sind. Besondere Erwähnung verdient allerdings die im Jahre  1930 veröffentlichte Festschrift, die eine hochinteressante 40-seitige Abhandlung über die Geschichte der Schule enthält.
Von  ihr  konnte  immerhin ein  Originalexemplar aufgefunden  werden, dass uns leihweise von Herrn Heinz Otto Nickolay überlassen wurde, der bis 1936 Schüler der Schule war und nach dem Krieg lange Jahre als Kassierer des Montanusbundes fungierte. In seinem Besitz befindet sich übrigens auch eine reichhaltige Fotosammlung, auf die zur Illustration der aktuellen Festschrift zurückgegriffen werden konnte.

Anhang 1

Jochen Hoffmann


Anhang 2  (aus der „Abschiedszeitung der O I b / 1933)

Welcher Geist mittlerweile in Deutschland und in der
Schule eingekehrt war, hatte man sehr wohl erfasst.

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